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ENERGIE ERNTEN UND DAS AUGE ERFREUEN

Die Mitglieder des Vereins "Energiegarten" sind überzeugt, dass selbst Windparks in eine ästhetische Landschaft einzubetten sind

von Adelheid Müller-Lissner.


Das Wachstum, das die regenerativen Energien in den vergangenen Jahren erlebt haben, ist verblüffend. Wobei ein erheblicher Teil des bisherigen, aber auch des künftig zu erwartenden Schubes den garantierten Vergütungen für die Stromeinspeisung ins Netz zu verdanken ist Und angesichts der aktuellen politischen Situation ist es beruhigend, wenn wir dadurch die Abhängigkeit vom begrenzten Vorrat an fossilen Energieträgern wenigstens etwas mindern können - von den Vorteilen für den Klimaschutz ganz zu schweigen. Aber es gibt Einwände. Sie betreffen vor allem die Ästhetik derjenigen quelle, deren Effizienz gleich nach der Wasserkraft am größten ist: Windräder sind in Verruf geraten, unsere schöne Landschaft nachhaltig zu verschandeln.

Solarzellen werden inzwischen von Architekten elegant in Dächer und Fassaden integriert Diese Entwicklung auch in den Kulturlandschaften zu begleiten, die Eleganz also gewissermaßen vom Dach auf den Boden und in den Luftraum zu bringen, hat sich nun ein Verein namens ,,Energiegarten e.V." zur Aufgabe gemacht Hier haben sich Landschaftsarchitekten und Stadtplaner, Architekten, Tourismus- und Erholungsplaner, Spezialisten für Windkraftanlagen, Biomassebauern und Künstler zusammengefunden. In Anne Pfeil, der Geschäftstellen-Leiterin, personifiziert sich der interdisziplinäre Ansatz: Sie ist Biologin und Architektin.

Aber vielleicht hinkt der Vergleich mit den Häusern und den Städten? Wird Natur durch menschliche Eingriffe immer nur hässlicher? ,,Was wir heute als ,schöne Landschaft empfinden, war immer auch wirtschaftlich genutzt, sagt dazu der Berliner Landschaftsarchitekt Claus Herrmann, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Vereins. Schließlich ist es die historische Kulturlandschaft des 19. Jahrhunderts und keineswegs ,,reine Natur", was uns heute mit seiner abwechslungsreichen Gestaltung, mit Alleen, Feldern, Hecken und Waldpartien gefällt. Der Grundsatz, ,,das Nützliche mit dem Schönen zu verbinden" und die bewirtschafteten Flächen so ästhetisch wie möglich zu gestalten, galt schon für aufgeklärte Landesfürsten wie Fürst Friedrich Franz von Anhalt-Dessau, der den Wörlitzer Park anlegen ließ.

Herrmann beschäftigt sich allerdings derzeit mit einer Landschaft, deren wirtschaftliche Nutzung anders aussah: Riesige Löcher, durchwühlte Erde, steile Böschungen und verrostende industrielle Großgeräte zeugen davon. Die ehemalige Energielandschaft Lausitz ist Schauplatz der Internationalen Bauausstellung Fürst-Pückler-Land, deren Realisierungsphase im Jahr 2000 begann und sich über zehn Jahre erstreckt. In zahlreichen Braunkohletagebauen wurde hier jahrhundertelang Energie gewonnen.

Was soll aus den riesigen Industriebrachen, die die Landschaft in einen Schweizer Käse verwandeln, nun werden? Museale Anschauung oder unzählige, profillose Badeseen mit Yachthafen können nicht alles sein. Bei einem IBA-Forum wird am 14. November das ,,Energiegarten"-Konzept das Hauptthemas ein. Wenn es nach dem Willen der Vereinsmitglieder geht, könnte Energiegewinnung weiter das Merkmal der Region bleiben. ,,Wir wollen verhindern, dass die Region vom Energielieferanten in Zukunft zum Energieabnehmer wird." Denn es sollen ,,Gärten" entstehen, in denen regenerative Energien ,,geerntet" werden:

Das Büro für Gartenkunst und Landschaftsarchitektur Schumacher + Herrmann hat nun, gemeinsam mit dem ,Energiegarten e.V.' den Auftrag, das Potenzial dafür zu analysieren und mögliche Standorte ausfindig zu machen. ,,Landschaft wurde bisher oft als Ressource begriffen, die man nach Belieben ausschlachten kann", sagt Herrmann. Ihm geht es heute um eine Art der Gestaltung, bei der die Form (einem alten Lehrsatz der Architekten gemäß) der Funktion folgt Und bei der Landschaft nicht ver-, sondern gebraucht wird. ,,Energiegarten" bedeutet vor allem Kombination: Windräder stehen inmitten landwirtschaftlicher Nutzflächen, die ebenfalls der Energiegewinnung dienen können.

Bei solchen Vorstellungen können Landschaftsarchitekten ins Schwärmen geraten. Schließlich besteht in den Tagebaugebieten, wo mit riesigen Maschinen unglaubliche Erdmengen bewegt wurden und werden, heute die einmalige Chance, die Landschaft so zu formen, dass sie optimale Bedingungen für die Gewinnung erneuerbarer Energien bietet und zugleich das Auge des Betrachters erfreut ,,Windkraft kann auch eine Bereicherung des Landschaftsbildes sein", ist Herrmann überzeugt Doch er ergänzt: ,,Man hat bisher den Fehler gemacht, sie ausschließlich den Technikern zu überlassen."

Dabei geht es nicht um die augenblicklich vielfach subventionierte Windkraft allein, sondern um ,,geschickte Bündelung" unterschiedlicher Arien der Energieerzeugung, also zum Beispiel auch um die Kombination mit Rapsfeldern und Biomasse-Produktion:
Polystruktur statt Monostruktur heißt die Devise. ,,Wo ohnehin Umwälzungen stattfinden wie jetzt bei den Sicherungsmaßnahmen in ehemaligen Tagebauen, wollen wir sie so nutzen, dass das Resultat eine nachhaltige Nutzung und ein attraktives Landschaftsbild zulässt", ergänzt Anne Pfeil. Dabei würden auch neue Arbeitsplätze in Land-, Forst- und Energiewirtschaft entstehen.

Zugleich will man (allerdings) auch Touristen anlocken: Nicht unbedingt als Alternative zum Strandurlaub, sondern vor allem für Kurzurlaube der Neugier wegen, um ästhetisch reizvolle Bilder und neuartige Informationen in sich aufzunehmen.

Die Landschaftsarchitekten wollen ,,nicht nur Eingriffe ausgleichen, sondern den öffentlichen Raum von Anfang an mitgestalten, also gewissermaßen Landschaftsbilder malen, die wirtschaftlich funktionieren können", sagt Herrmann. Im Team wollen sie dazu beitragen, den Umgang mit dem Thema Energie vom unseligen Dualismus zwischen tatsächlicher Verschwendung und unattraktiven Mahnungen, den Gürtel enger zu schnallen, zu befreien. Eine Aufgabe globalen, offensichtlich aber auch genüsslichen Zuschnitts: ,,Wir wollen den lustvollen Umgang mit dem Thema pflegen", versichern die interdisziplinären Energie-Gärtner.

Artikel aus:
UMWELT & ENERGIE: Beilage des Tagesspiegels
8. November 2001, S. B 7
Redaktion: Gideon Heimann, Christa Ulmann
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